Deutschland plant die großflächige Wiederherstellung von Natur und Wäldern. Gleichzeitig werden vielerorts Wälder für Windkraftanlagen gerodet — auch in windschwachen Regionen. Wie passt das zusammen? Ein Blick auf einen wachsenden Widerspruch zwischen Naturerhalt und Energiewende.
Ausgangspunkt dieser Diskussion ist der aktuelle Entwurf des deutschen „Nationalen Wiederherstellungsplans“, der im Rahmen der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur veröffentlicht wurde. Darin beschreibt Deutschland umfangreiche Maßnahmen zur Renaturierung von Wäldern, Mooren, Flüssen und weiteren Ökosystemen - weist aber gleichzeitig selbst auf mögliche Konflikte mit dem Ausbau von Windkraftanlagen hin. Der vollständige Entwurf sowie die öffentliche Beteiligung sind hier einsehbar: Nationaler Wiederherstellungsplan – Beteiligungsplattform des Bundesumweltministeriums.
Das Wichtigste in Kürze
Während in Deutschland ein neuer "Nationaler Wiederherstellungsplan" vorbereitet wird, entstehen gleichzeitig immer mehr Rodungsflächen für Windkraftanlagen - besonders in Baden-Württemberg.
Das wirkt widersprüchlich. Und genau das ist es auch!
Im Wiederherstellungsplan beschreibt Deutschland große Ziele:
- Wälder stärken,
- Moore wiedervernässen,
- Flüsse renaturieren,
- Biodiversität schützen,
- Ökosysteme widerstandsfähiger machen.
Bis 2030 sollen riesige Flächen der Natur wiederhergestellt werden:
- rund 72.000 km² Landfläche
- sowie 6.566 km² Meeresfläche
Gleichzeitig werden jedoch vielerorts bestehende Waldökosysteme zerstört, um neue Windkraftstandorte, wie am Beispiel Aspach-Oppenweiler zu sehen, zu schaffen.
Besonders problematisch wird das dort, wo Wälder in windschwachen Regionen gerodet werden. Denn Wald ist nicht einfach "freie Fläche". Ein gewachsener Wald ist ein hochkomplexes Ökosystem:
- Lebensraum für Tiere und Pflanzen,
- natürlicher Wasserspeicher,
- Kohlenstoffsenke,
- Kühlraum in Hitzeperioden,
- Schutz vor Erosion,
- Wasserspeicher,
- Rückzugsort für Menschen.
Solche Strukturen entstehen über Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Sie lassen sich nicht kurzfristig ersetzen.
Oft wird argumentiert, gerodete Flächen würden später "kompensiert". Doch eine Aufforstung ersetzt keinen alten Wald. Junge Bäume ersetzen weder gewachsene Böden noch komplexe Lebensgemeinschaften. Der ökologische Verlust bleibt über lange Zeit bestehen.
Interessant ist:
Der neue Wiederherstellungsplan erkennt diese Probleme selbst an. Dort wird ausdrücklich auf Konflikte zwischen Naturwiederherstellung und dem Ausbau erneuerbarer Energien hingewiesen - insbesondere auf Flächenkonkurrenzen im Wald.
Das zeigt: Die Frage ist längst nicht mehr nur "Klimaschutz oder kein Klimaschutz".
Die eigentliche Frage lautet:
Wie schützen wir das Klima, ohne dabei genau die Natur zu zerstören, die wir gleichzeitig retten wollen?
Echter Natur- und Klimaschutz darf nicht bedeuten, funktionierende Ökosysteme schrittweise zu industrialisieren. Denn Wiederherstellung beginnt nicht erst nach der Zerstörung.
Vielleicht sollten wir uns wieder stärker daran erinnern: Der nachhaltigste Wald ist oft der, der noch steht!